Wieder die Uhren umgestellt. Wieder diskutiert. Wieder passiert nichts. Seit Jahren beschäftigt sich die Europäische Union mit der Abschaffung der Zeitumstellung. Und wir beschäftigen uns weiterhin zweimal jährlich damit, unseren Alltag hinterherzutragen.
Mich macht das inzwischen richtig wütend. Denn diese endlose Geschichte handelt längst auch von politischer Glaubwürdigkeit. Von der Frage, ob demokratische Institutionen eine überschaubare Veränderung überhaupt noch auf die Reihe bekommen.
Acht Jahre und keine Entscheidung
2018 schlug die Europäische Kommission vor, die halbjährliche Zeitumstellung zu beenden. Im März 2019 unterstützte das Europäische Parlament die Abschaffung; damals war ein Ende 2021 vorgesehen. Doch im Rat, in dem die Regierungen der Mitgliedstaaten vertreten sind, fehlt weiterhin die notwendige gemeinsame Position. Wir schreiben Oktober 2026.
Acht Jahre seit dem Vorschlag. Sieben Jahre seit der Abstimmung im Parlament. Und die Uhren werden weiter gedreht.
Natürlich kann niemand versprechen, dass europäische Entscheidungen immer schnell gehen. Unterschiedliche Länder haben unterschiedliche Interessen. Aber irgendwann wird aus sorgfältiger Abstimmung eine institutionalisierte Warteschleife.
Und genau dort hängen wir fest.
Die Mehrheit will Schluss machen
Nein, es stimmt nicht, dass ausnahmslos alle Menschen die Zeitumstellung ablehnen. Eine aktuelle Forsa-Befragung im Auftrag der DAK zeigt aber: 71 Prozent der Befragten in Deutschland wollen sie abschaffen. Eine deutliche Mehrheit, auch wenn die Zustimmung gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen ist.
Das ist kein europaweites Referendum. Es ist auch kein Freibrief, jede andere Meinung zu ignorieren. Aber es ist ein ziemlich deutlicher Auftrag, diese Angelegenheit endlich ernsthaft zu entscheiden.
Stattdessen bleibt für die Menschen dieselbe Erfahrung: Das Thema wird aufgegriffen, es werden Veränderungen angekündigt – und Jahre später steht man wieder am selben Punkt.
Warum nicht zurück zur Normalzeit?
Mein Vorschlag ist ausgesprochen unspektakulär: Deutschland kehrt dauerhaft zur Mitteleuropäischen Zeit zurück. Zur Normalzeit, die im Alltag meist Winterzeit genannt wird. Die saisonale Sommerzeit wurde hier 1980 wieder eingeführt.
Die vorhandenen Zeitzonen Europas müssten deswegen nicht verschwinden. Auch heute zeigt die Uhr in Portugal etwas anderes an als in Finnland. Unterschiedliche Zeitzonen und halbjährliches Uhrendrehen sind zwei verschiedene Dinge.
Selbstverständlich müssen sich Nachbarländer abstimmen. Verkehr, Handel und Arbeitsabläufe brauchen verlässliche Regeln. Genau dafür haben wir europäische Institutionen und Regierungen, die miteinander verhandeln können.
Dass eine Entscheidung Folgen hat, ist schließlich kein überraschender Zwischenfall im politischen Betrieb. Es ist dessen tägliches Geschäft.
Für manche Menschen ist das mehr als lästig
In der DAK-Befragung berichteten fast drei von zehn Befragten, schon einmal gesundheitliche oder psychische Probleme nach einer Zeitumstellung gehabt zu haben. Häufig genannt wurden Müdigkeit und Schlafprobleme. Das sind Selbstauskünfte und kein Nachweis, dass jede einzelne Beschwerde ausschließlich durch den Uhrenwechsel entstanden ist. Trotzdem verdienen sie Aufmerksamkeit.
Wer ohnehin schlecht schläft, braucht jedenfalls keine gönnerhaften Hinweise darauf, dass es doch nur eine Stunde sei.
Für die einen ist der Wechsel kaum bemerkbar. Für andere bringt er den Tagesrhythmus durcheinander. Beides darf nebeneinander wahr sein. Politik sollte daraus eine vernünftige Regelung entwickeln können.
So wird Vertrauen verschlissen
Ich glaube nicht, dass die Zeitumstellung allein die Demokratie zerstört. Aber dieser jahrelange Stillstand kann etwas beschädigen, das Demokratie dringend braucht: Vertrauen in ihre Handlungsfähigkeit.
Menschen müssen nicht jeden Beschluss gut finden. Sie sollten aber erkennen können, dass Probleme bearbeitet, Entscheidungen getroffen und Ergebnisse erklärt werden.
Bei der Zeitumstellung sehen sie seit Jahren vor allem Vertagung.
Das liefert den Verächtern der europäischen Zusammenarbeit eine bequeme Vorlage. Die müssen nur auf die Uhr zeigen und höhnen: Nicht einmal das bekommen sie hin.
Wer Europa verteidigen will, sollte solche Vorlagen endlich abstellen.
Zuständig sind auch die Regierungen
Meine Beschwerde richtet sich deshalb ausdrücklich an die Regierungen der Mitgliedstaaten – einschließlich der Bundesregierung.
Es reicht nicht, nach Brüssel zu zeigen, während die eigenen Minister dort mit am Tisch sitzen. Die Kommission hat einen Vorschlag gemacht. Das Parlament hat Stellung bezogen. Im Rat fehlt die Einigung.
Wer dort Verantwortung trägt, muss erklären, welche Lösung er verfolgt, welche Hindernisse bestehen und wie sie überwunden werden sollen.
Ich erwarte einen öffentlich nachvollziehbaren Zeitplan, eine begründete Entscheidung über die künftige Zeitregelung und einen verbindlichen Übergang. Nach acht Jahren darf man das verlangen.
Europa braucht Ergebnisse
Ich will ein Europa, das zusammenarbeitet und seine Demokratie schützt. Gerade deshalb ärgert mich diese Geschichte so.
Die europäische Idee verdient bessere Werbung als eine Uhr, die zweimal jährlich daran erinnert, was politisch immer noch unerledigt ist.
Meine Geduld ist aufgebraucht. Entscheidet Euch. Begründet Eure Entscheidung. Setzt sie um.
Die Uhren laufen schließlich auch ohne weitere Arbeitsgruppe.
Siehe auch: https://www.tagesschau.de/wissen/gesundheit/zeitumstellung-winterzeit-sommerzeit-114.html